Die Politik muss die Lebensrealitäten der Menschen in den Fokus nehmen

Karin Schwendler, Bereichsleiterin Frauen- und Gleichstellungspolitik, ver.di Bundesvorstand
In Deutschland wurde ein Tarifvertrag für über 900.000 Beschäftigte im öffentlichen Dienst der Länder abgeschlossen, der insgesamt 5,8 Prozent mehr Lohn in drei Stufen vorsieht. Die Verhandlungen zogen sich länger hin als erwartet. Die Gewerkschaft ver.di fordert ihre Mitglieder auf, aktiv für den Tarifvertrag einzutreten und an der Abstimmung bis zum 9. März teilzunehmen. Die endgültige Entscheidung wird am 12. März verkündet. Während der Verhandlungen beantwortete Karin Schwendler, Bereichsleiterin für Frauen-und Gleichstellungspolitik vom ver.di Bundesvorstand, unsere Fragen über die Anforderungen der Gewerkschaft an den Tarifvertrag und den Internationalen Frauentag am 8. März.
Was sind die zentralen Forderungen von Verdi im aktuellen Arbeitskampf und inwiefern sehen Sie Parallelen oder Verknüpfungen zum Frauenstreik am 9. März?
Die zentralen Forderungen in der Tarifrunde des öffentlichen Dienstes der Länder beziehen sich auf die Bezahlung: Die Entgelte sollen um 7 % steigen, mindestens aber um 300 € monatlich. Dieser Mindestbetrag ist darauf ausgerichtet, die niedrigen Entgelte überproportional anzuheben. Da in diesen Entgeltbereichen sehr viele Frauen beschäftigt sind, würden diese davon besonders profitieren. Hier ist eine Verknüpfung zu den Forderungen des Frauenstreiks nach besserer Bezahlung von Frauentätigkeiten zu sehen.

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Wie bewertet Verdi die Beteiligung von Frauen an den laufenden Streiks und welche Rolle spielen geschlechtsspezifische Arbeitsbedingungen bei ihren Tarifforderungen?
Wenn Bereiche, in denen besonders viele Frauen beschäftigt sind, wie z.B. Schulen und Kitas oder Unikliniken, zum Streik aufgerufen werden, dann ist die Beteiligung von Frauen sehr hoch. Das hat sicher auch mit den belastenden Arbeitsbedingungen in diesen Bereich zu tun, für die die Kolleginnen zumindest eine faire Bezahlung erwarten.
Plant Verdi für den 9.März eigene Aktionen, Solidaritätsbekundungen oder gemeinsame Veranstaltungen mit Initiativen des Frauenstreiks, wenn ja, in welcher Form?
Die ver.di-Frauen unterstützen die inhaltlichen Forderungen der Frauenstreikbündnisse. Zu Streiks können wir als Gewerkschaft allerdings aus rechtlichen Gründen nicht aufrufen. Das hindert uns jedoch nicht daran, zur Beteiligung an Aktivitäten aller Art wie aktive Mittagspausen, Demonstrationen, Kundgebungen oder auch Social Media Kampagnen aufzurufen. Die ver.di-Frauen werden also auch am 9. März sichtbar sein. Wie die konkrete Beteiligung der ver.di Frauen aussieht, entscheiden die Kolleginnen vor Ort in den lokalen Bündnissen.
Welche Erwartungen hat Verdi an Politik und Arbeitgeber in Bezug auf Gleichstellung und faire Arbeitsbedingungen, die über den 8.März hinaus wirken sollen?
Wer Fachkräfte sucht, kann auf Frauen nicht verzichten. Die Arbeitgeber sollten in den Betrieben mehr Wert auf Maßnahmen legen, die aktiv Frauen fördern, wie z.B. Weiterbildungen und für Führungsfunktionen. Besonders sollten sie die Gesundheit ihrer Beschäftigten und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Blick haben. Dabei können flexible Arbeitszeitmodelle, mobiles Arbeiten, Zeiten der „Nicht-Erreichbarkeit“, Planbarkeit und Verlässlichkeit geregelt werden. Hierbei sollten sowohl Frauen als auch Männer adressiert werden. Neben der Kinderbetreuung gilt es darüber hinaus auch Regelungen für die Pflege von Angehörigen zu finden und mehr Wert auf gesundheitsfördernde Maßnahmen im Betrieb zu legen. Gerade im Betrieb muss bei allen Vorhaben ebenso die interkulturelle Perspektive der Arbeitnehmer*innen Beachtung finden. Stimmen die Arbeitsbedingungen, dann funktioniert es auch mit dem Nachwuchs.
An Politik steht die Erwartung, neben der Wirtschaft auch die Lebenssituationen der Menschen in den Fokus zu nehmen. Dringende Reformen sind notwendig. Das Elterngeld und die Elternzeit müssen dringend modernisiert werden. Es braucht ein höheres Elterngeld und mehr verbindliche Partnermonate. Außerdem sollte eine Lohnersatzleistung für pflegende Angehörige eingeführt werden. Eine Väter-/Partner-Freistellung rund um die Geburt eines Kindes könnte schnell eingeführt werden. Unser Ziel ist eine partnerschaftliche Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit und eine eigenständige Existenzsicherung von Frauen und Männern. Das wäre fair und gerecht.
Wie bewertet die Gewerkschaft ver.di die Diskussionen über den 8- Stunden Tag und die Teilzeit Debatte aus geschlechtsspezifischer Perspektive?
Lange Arbeitszeiten sind Gift für die Gesundheit. Und sie erhöhen wissenschaftlich erwiesen das Risiko von Arbeitsunfällen massiv. Immer mehr Kolleginnen und Kollegen arbeiten heute schon über ihre Belastungsgrenzen hinaus. Noch unregelmäßigere und längere Arbeitszeiten sind von den Menschen nicht zu schaffen und das schon gar nicht über ein langes Berufsleben hinweg.
Wenn der 8-Std-Tag im Gesetz fällt, dann könnten Arbeitgeber künftig Arbeitszeiten von bis zu 13 Stunden anweisen. Insbesondere in den vielen Betrieben ohne Tarifbindung und ohne Interessenvertretungen. Dann ist die Arbeit mit dem Leben von vielen Familien, von Alleinerziehenden, von Menschen, die Angehörige zu pflegen haben gar nicht mehr vereinbar und auch nicht zu schaffen! Schon jetzt haben viele Frauen mit Sorgeverantwortung ihre Arbeitszeit reduziert. Das ist nötig und keinesfalls „Lifestyle-Teilzeit“.
Und auch in den typischen „Frauenberufen“ wie z.B. in der Pflege und Kindertagesstätten reduzieren die Kolleginnen ihre Arbeitszeit, weil sie den Arbeitsstress und die Belastung in Vollzeit nicht gesund bis zur Rente aushalten würden.
Wir erwarten von der Bundesregierung die Lebensrealitäten von Menschen, die dank ihrer unbezahlten Sorgearbeit den Laden am Laufen halten, anzuerkennen und wert zu schätzen.
Die Menschen arbeiten um zu Leben und nicht umgekehrt. Und von partnerschaftlicher Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit sind wir leider immer noch meilenweit entfernt.

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