Empowern, vernetzen und feministische Perspektiven stärken

Maike Lange, IG Metall Esslingen Gewerkschaftssekretärin -Jugend-
Wir befinden uns in einer Phase anhaltender wirtschaftlicher Instabilität, in der Arbeitgeber den einfachen Weg wählen, den Druck auf Arbeitnehmer und Arbeiterinnen erhöhen und erworbene Rechte angreifen. Junge Arbeitnehmer und junge Frauen leiden unter Massenentlassungen, niedrigen Löhnen und der Schwierigkeit, einen Ausbildungsplatz zu finden. Mit Maike Lange, Gewerkschaftssekretärin – Jugend – der IG Metall in Esslingen, sprachen wir über die Probleme junger Arbeitnehmer, die Möglichkeiten, die die Gewerkschaft bietet, um diese Probleme zu lösen, und vor allem darüber, warum junge Frauen in Arbeitnehmervertretungen vertreten sein sollten.

Wie sieht die Arbeitsmarktsituation derzeit aus? In welcher Entwicklung befindet sie sich, und welche Auswirkungen hat das auf die Arbeitnehmer*innen?
Der Arbeitsmarkt in Deutschland zeigt sich im Jahr 2025/2026 in einem angespannten Zustand. Zwar erkennt die Bundesagentur für Arbeit erste Anzeichen einer Stabilisierung, jedoch wirken die wirtschaftlichen Schwächen weiterhin deutlich nach. Viele Betriebe zögern bei Neueinstellungen, reduzieren Arbeitsplätze oder schieben Investitionen auf. Besonders kritisch ist die Situation auf dem Ausbildungsmarkt: Das Angebot an Ausbildungsstellen ist 2025 um 4,6 Prozent zurückgegangen, während gleichzeitig mehr junge Menschen in eine Ausbildung starten wollen. Dadurch waren zum Stichtag rund 84.400 Jugendliche weiterhin ohne Ausbildungsplatz – einer der höchsten Werte seit über einem Jahrzehnt. Herausfordernd dabei ist zum Teil nicht, dass es die Ausbildungsplätze nicht gibt, sondern dass diese Plätze nicht an dem Ort sind, wo sie gebraucht werden (Ausbildungsplatzpassung). Diese Entwicklung zeigt, wie fragil der Übergang junger Menschen in den Arbeitsmarkt aktuell ist und welche Herausforderungen sich daraus langfristig für die Fachkräftesicherung ergeben.

Viele Jugendliche finden keinen Ausbildungsplatz, obwohl sie zahlreiche Bewerbungen schreiben, und gleichzeitig klagen Arbeitgeber über fehlende Auszubildende. Wie ist das zu erklären?
Dieses scheinbar widersprüchliche Bild hat mehrere Ursachen. Zum einen haben viele Unternehmen aufgrund der wirtschaftlichen Unsicherheit 2025 ihre Ausbildungsangebote reduziert – viele Betriebe bieten weniger Plätze an als im Vorjahr. Parallel dazu bestehen große regionale Unterschiede: Während in ländlichen Regionen zahlreiche Stellen unbesetzt bleiben, gibt es in Großstädten deutlich mehr Bewerber*innen als Ausbildungsangebote. Besonders handwerkliche oder körperlich anspruchsvolle Berufe bleiben häufig unbesetzt. Auf der anderen Seite erleben junge Menschen vielfältige Hürden: komplizierte Bewerbungsverfahren, lange Wartezeiten auf Rückmeldungen, finanzielle Belastungen oder fehlende Mobilität beim Wechsel in andere Regionen. Diese sozialen und strukturellen Barrieren führen dazu, dass viele Jugendliche trotz Motivation keinen Ausbildungsplatz finden – während Unternehmen gleichzeitig unbesetzte Stellen melden. Um dem entgegenzugehen, bieten wir als IG Metall Schulungen für unsere Betriebsräte sowie Jugend- und Auszubildenden Vertretungen, damit die Prozesse zur Bewerbung überwacht und vereinfacht werden können.

Wie sind die Ausbildungsbedingungen und die Vergütung für junge Menschen in Ausbildung? Welche Perspektiven haben sie angesichts steigender Lebenshaltungskosten und Stellenabbau?
Die Ausbildungsbedingungen unterscheiden sich je nach Betrieb und Branche erheblich. Der DGB-Ausbildungsreport zeigt, dass viele Auszubildende regelmäßig Überstunden leisten müssen, die nicht immer vollständig ausgeglichen werden. Zudem kommt es häufig vor, dass Ausbildungspläne nicht eingehalten werden oder Auszubildende Tätigkeiten übernehmen müssen, die nichts mit ihrem Berufsbild zu tun haben. Die finanzielle Lage vieler junger Menschen verschärft sich zunehmend: Die gesetzliche Mindestausbildungsvergütung (aktuell liegt diese bei 724€) reicht angesichts hoher Mieten, Energiepreise und allgemeiner Lebenshaltungskosten nicht mehr aus. Deshalb fordert der DGB eine außerplanmäßige Erhöhung um mindestens 152 Euro. Gleichzeitig sind die Übernahmechancen in einigen Branchen zwar gut, die wirtschaftliche Unsicherheit vieler Unternehmen – insbesondere durch Digitalisierung, Strukturwandel und Automobiltransformation – erschwert jedoch langfristige Perspektiven. Für viele junge Menschen bleibt der Einstieg in ein sicheres Arbeitsverhältnis damit unsicherer als in früheren Jahren.Welche Herausforderungen begegnen junge Frauen in der Ausbildungszeit, und wie nimmst du sie in der Gewerkschaftsarbeit wahr?
Junge Frauen stehen in der Ausbildung vor besonderen Herausforderungen. Geschlechtsspezifische Unterschiede zeigen sich bereits bei der Ausbildungsqualität: Frauen erhalten oft weniger anspruchsvolle Aufgaben, arbeiten in schlechter bezahlten oder weniger anerkannten Ausbildungsberufen und sind häufiger mit mangelnder Wertschätzung konfrontiert. In männlich dominierten Berufsfeldern begegnen sie zudem stereotypen Rollenbildern, abwertenden Kommentaren oder fehlender Unterstützung, das ist nicht in allen Betrieben der Fall, kommt aber durchaus noch vor. Auch finanzielle Belastungen und Vereinbarkeitsfragen – etwa, wenn Care-Arbeit oder familiäre Verpflichtungen hinzukommen – betreffen junge Frauen überdurchschnittlich. In der Gewerkschaftsarbeit wird deutlich, dass junge Frauen sehr engagiert sind und zunehmend selbstbewusst auftreten. Sie suchen Austausch, sichere Räume und Unterstützung – und finden diese in der IG Metall Frauenarbeit, die gezielt Empowerment, Vernetzung und feministische Perspektiven stärkt.

Warum sollten junge Menschen für den Betriebsrat kandidieren? Und wie können insbesondere junge Frauen motiviert werden, sich aufstellen zu lassen?
Betriebsräte sind unverzichtbar. Besonders in unsicheren Zeiten haben sie eine besondere Schutzrolle für die Beschäftigten. Aktuell stehen in vielen Unternehmen Themen wie Transformation und Digitalisierung auf der Tagesordnung. Hier benötigen wir neue, aber auch kreative Ideen, genau das bringen junge Beschäftigte häufig mit. Gemeinsam mit den erfahrenen Betriebsratsmitgliedern können diese Herausforderungen gemeinsam gestaltet werden. Für junge Beschäftigte – insbesondere Auszubildende – setzen sie sich für gute Ausbildungsqualität, faire Arbeitszeiten, Übernahmequoten und Gesundheitsschutz ein. Sie sorgen dafür, dass Tarifverträge eingehalten und Perspektiven geschaffen werden. Junge Menschen bringen wichtige Impulse in die Betriebsratsarbeit ein: neue Sichtweisen, digitale Kompetenz und ein starkes Verständnis für demokratische Mitgestaltung im Betrieb. Besonders junge Frauen sollten ermutigt werden, zu kandidieren, denn Betriebsratsgremien in männerdominierten Branchen sind nach wie vor männlich dominiert. Junge Frauen bringen Themen ein, die sonst oft zu kurz kommen: Gleichstellung, Vereinbarkeit, Schutz vor Sexismus und die Gestaltung moderner, fairer Arbeitskulturen. Um sie zu motivieren, braucht es sichtbare weibliche Vorbilder, klare Ansprache, niedrigschwellige Beteiligungsmöglichkeiten und Räume, in denen sie Erfahrungen sammeln können. Die IG Metall Frauen bieten solche Räume – und stärken junge Frauen darin, ihre Zukunft im Betrieb aktiv mitzugestalten.

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