Renate Wapenhensch
Wir leben in einer Gesellschaft, in der sich alles beschleunigt. Der Zwang nach Wachstum und Steigerung ist in unser Wirtschaftssystem eingeschrieben. Immer schneller sollen wir uns an die neueste technische Entwicklung anpassen. Auch der soziale Wandel und der Lebensrhythmus werden immer schneller.

Wir rennen wie ein Hamster im Rad, um mitzuhalten. Es geht bei der Beschleunigung nicht mehr um Fortschritt. Viele von Euch gehören noch zu der Generation, die hart gearbeitet hat, damit es ihre Kinder es mal besser haben. Heute arbeiten wir hart, damit sich die Lebensbedingungen unserer Kinder nicht weiter verschlechtern.
Nein, es gibt nicht mehr Fortschritt, sondern einen „rasenden Stillstand“. So, als würden wir versuchen, eine Rolltreppe zu erklimmen, die sich immer schneller in der Gegenrichtung bewegt.
Und weiterhin heißt es: “Wir brauchen Wachstum!“ Mehr Autos, mehr Waffen, mehr Technik, mehr, mehr, mehr…
Das Europa-Parlament hat beschlossen, dass neue Kleidung nicht mehr vernichtet werden darf, und neue Elektroartikel nicht mehr zerstört werden dürfen. So weit ist der Irrsinn schon gediehen, dass wir solche Gesetze brauchen.
Ihr könnt Euch sicher noch an Zeiten erinnern, in denen man Kleidung, Schuhe und Haushaltsgeräte reparierte. Die Wolle von Pullovern aufzog und Socken stopfte. Als Möbel noch Generationen überdauerten.
Es geht mir nicht um die vermeintlich guten, alten Zeiten. Aber Dinge, die lange halten, die man leicht reparieren und wiederverwenden kann, sind auch heute noch gut. Dinge, die nicht jeder Mode unterliegen, die auch noch, nachdem wir sie gekauft haben, einen Wert haben!
Die Beschleunigung eskaliert und führt zu drei großen Krisentendenzen der Gegenwart:
Erstens: Die Ökologische Krise
Sie ist gekennzeichnet durch den Raubbau an natürlichen Ressourcen, die Umweltverschmutzung, unseren brutalen, völlig gefühllosen Umgang mit Tieren, den Verlust von Biodiversität und Klimaerwärmung.
Zweitens: Die Krise der Demokratie
In vielen Ländern Europas haben rechtspopulistische Parteien immer mehr Anhänger. Auch in Deutschland hat die AfD bei letzten Landtagswahlen im Osten viele Stimmen dazu gewonnen, gerade auch bei jungen Leuten. Viele sind verunsichert, es fehlt an Orientierung und gesellschaftlicher Teilhabe. Sehr geschickt spricht die AFD junge Menschen über soziale Medien an, setzt beispielsweise das „Deutschsein“ als Identitätsanker ein. Schürt Ängste vor angeblicher Überfremdung und Gefahr der Sicherheit durch Flüchtlinge. Das Konzept funktioniert. Und auch die etablierten Medien tragen mit ihren fast ausschließlich negativen Meldungen zu den Zukunftsängsten bei.
Viele sind enttäuscht von den politischen Parteien, fühlen sich mit ihren Sorgen und Bedürfnissen nicht mehr wahrgenommen. Sie sehen keine positive Entwicklung mehr, wo etwas in gutem Sinne vorangeht.
Es gibt eine deutliche Politikverdrossenheit, nach dem Motto: „Die da oben machen eh, was sie wollen.“ Diese Abkehr zeigt sich auch schon seit etlichen Jahren in einer sinkenden Wahlbeteiligung.
Die soziale Ungerechtigkeit ist extrem und wächst weiter. Da gibt es einen kleinen Teil, der den Reichtum für sich anhäuft. Und immer mehr Menschen, die angesichts steigender Preise kaum noch
über die Runden kommen. Das ist der Nährboden für die wachsende Unzufriedenheit, für Ängste und das Gefühl, keinen guten Platz in der Gesellschaft mehr zu haben.
Auch die AfD gibt darauf keine Antwort, sie nutzt die bestehenden Missstände geschickt für sich aus, um Wählerstimmen zu generieren – VORSICHT!
Wir brauchen nicht mehr Autos oder mehr Waffen oder mehr Milliarden Investitionen in die neuesten technologischen Entwicklungen. Was wir brauchen, ist mehr bezahlbarer Wohnraum, genügend Kita-Plätze, wirklich gute Schulen und Altenheime, effektive Maßnahmen gegen Kinder- und Altersarmut, eine bessere Gesundheitsversorgung, einen guten öffentlichen Nahverkehr auch auf dem Land, gesunde Lebensmittel und, und, und…
Lasst uns gemeinsam nach Lösungen schauen, die wirkliche Schritte hin zu einem guten Leben sind, wie zum Beispiel:
- Eine Wirtschaft, die vorsorgt und versorgt im Sinne einer wirklichen Gemeinwohlökonomie,
- Erwerbsarbeitszeiten, die genügend Raum und Zeit lassen für all die anderen gesellschaftlich notwendigen Aufgaben und eigene Interessen,
- ein solidarisch finanziertes, bedingungsloses Grundeinkommen, das allen einen Grundplatz in der Gesellschaft sichert,
- eine partnerschaftliche Teilung aller Arbeit zwischen den Geschlechtern
- und gleiche Rechte, gleiche Chancen, gleiche Würde für alle in allen Lebensbereichen.
- Eine Gesellschaft frei von Gewalt und Diskriminierung!
